Wer braucht einen Aufstand?

Obwohl ich nicht davon ausgehe, dass Sie mir das glauben, denn was sollten Sie überhaupt noch glauben, ist es jedenfalls so: Sonst gebe ich ihm immer etwas. Er ist schließlich der prominenteste Bettler in unserem Kiez. An Sommerabenden sitzt er vor dem Spätkauf und geht die Touristen direkt an: “Ihr Handyaffen! Gebt mir 50 Euro!” Seit einiger Zeit trägt er eine Warnleuchte auf dem Kopf, man sieht ihn im Dunkeln schon von Weitem.

Diesmal blinkte er mich direkt vor dem Hauseingang an, ich war in Eile. “Ach so, keine Zeit…”, murmelte er, und ich stieg schnell in den gemieteten dicken Diesel-Mercedes, mit dem wir am nächsten Tag zum Weihnachtsbesuch nach Bayernaufbrechen wollten. Der normale Stress vor den Feiertagen, dazu die üblen Nachrichten aus der Zentrale, nur weg. Schnell noch zu Karstadt, für liebe Menschen letzte Geschenke kaufen, die sie nicht brauchen. Keine Zeit für eine kleine Spende. Der Widerspruch kam mir nicht in den Sinn.

Das Volk möge sich erheben

Und damit zu Sahra Wagenknecht. In ihrem neuen Video steht sie vor dem Kanzleramt. In Ton, Haltung und Stil einer Regierungschefin richtet sie eine Weihnachtsansprache an das deutsche Volk. Es möge sich demnächst erheben.

Weihnachtsansprache von Wagenknecht: In Ton, Haltung und Stil einer Regierungschefin

Twitter/ @aufstehen_de

Weihnachtsansprache von Wagenknecht: In Ton, Haltung und Stil einer Regierungschefin

Wagenknecht hat sich mit gelber Weste als französische Gilets-jaunes-Demonstrantin verkleidet. “Ich finde, solchen Druck brauchen wir auch in Deutschland”, spricht die Oberaufsteherin, nämlich Druck auf die “Regierung der Reichen”. “Immer wird Politik für wohlhabende Klientelen, für große Unternehmen gemacht. Dagegen muss es auch in Deutschland mehr Widerstand geben.”

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft.

Obwohl die Autokonzerne “weiter Profite machen” und die Dieselfahrer “die Zeche bezahlen”, ruft Wagenknecht dann aber nicht etwa wütend zur Revolution, sondern wirbt gesittet für den Besuch der Veranstaltungen ihrer Organisation nach den Feiertagen: “Wir brauchen auch hier viele Menschen, die bereit sind, auf die Straße zu gehen. Das will ‘Aufstehen’ erreichen. Und das machen wir im nächsten Jahr.”

Auf dem Trittbrett zum Aufstand

Wagenknechts Auftritt wirkt wie die Parodie eines Wagenknecht-Auftritts. Anschwellende Sphärenklänge aus dem Synthesizer, Schnitt auf die Projektion einer gelben Weste an der Wand des Bundeskanzleramts, am Schluss mit dramatischem Knall das eben nicht gelbe, sondern rote Aufstehen-Logo im Bild – fertig ist der Trittbrett-Trailer für den kommenden Aufstand.

Ausgerechnet die Spalterin der Linken setzt sich an die Spitze einer sogenannten Sammlungsbewegung, und jetzt geriert sie sich auch noch als Sprachrohr der Gelbwesten, einer Bewegung, die professionelle Großsprecher wie sie nicht hat, nicht will und nicht braucht. Und was soll das überhaupt: Aufstehen? Wer braucht einen Aufstand?

Mal schnell auf den Kontostand geschaut: Ich jedenfalls nicht. Darum fällt es mir auch sehr leicht, mich über Wagenknecht und ihr Anliegen lustig zu machen. Häme geht immer über die geschleckte Sozialrhetorikerin mit dem Drall ins Herrische. Beim Schreiben verspeise ich einen Teller Plätzchen, am Abend werde ich satt sein und mich trotzdem weiter vollstopfen.

Tatsächlich weiß ich schon lange nicht mehr, wie das ist, so wenig zu verdienen, dass es am Ende des Monats nicht reicht. Ich habe vergessen, wie es sich anfühlt, wenn der Tank leer ist oder der Magen. Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist, auf der Straße Passanten anbetteln zu müssen um einen Euro. Und deshalb, liebe Leserinnen und Leser, halte ich jetzt einfach mal die Klappe. Bis nächstes Jahr. Keine Pointe. Frohes Fest!

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